Digitale Bildung – wie funktioniert das in Neuseeland?

Autorin Verena Friederike Hasel ist mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern nach Neuseeland gezogen. In ihrem Buch “Der tanzende Direktor: Lernen in der besten Schule der Welt“, erschienen 2019, berichtet sie über ihre eigenen Erfahrungen und die Erlebnisse ihrer Töchter in Schulen auf der anderen Seite der Erdkugel. Inspiriert davon haben wir uns das Bildungssystem Neuseelands in diesem Bericht unserer Serie “Digitale Bildung in der ganzen Welt” genauer angesehen. (Im vorherigen Artikel aus dieser Reihe haben wir das Schulsystem Norwegens genauer betrachtet.)

Lernen als ganzheitliches Konzept

Sowohl in der analogen als auch in der digitalen Bildung wird an Neuseelands Schulen ein anderer Grundgedanke als an den meisten Schulen in Deutschland verfolgt. Kreativität, Neugier und insbesondere das lebenslange Lernen stehen im Vordergrund. Fehler werden als Geschenk angesehen, sodass man einen Satz wie “Das ist falsch.” selten hört und Radiergummis aus den Klassenräumen verbannt sind. Stattdessen motiviert die Lehrkraft Schüler*innen mit einem “Gut gedacht”. Denn genau darum geht es: In verschiedene Richtungen denken, um den optimalen Weg zur Lösung zu finden. Mit einem ganzheitlichen Bildungsansatz, an dessen Konzeption und Umsetzung alle Parteien beteiligt sind, werden Grundlagen für Schulen im ganzen Land geschaffen. Das bedeutet allerdings nicht, dass Schulen strikten Vorgaben unterliegen. Es ist vielmehr so, dass von Seiten des Ministeriums Ausgangspunkt und Lernziele festgelegt werden. Den Weg zwischen diesen beiden Punkten gestaltet jede Schule selbst. Übrigens: Neuseeland liegt bei Bildungsstudien ganz weit vorn, unter anderem bei PISA 2018 auf Platz 12. Deutschland befindet sich auf Platz 20.

Die Lernziele werden im Dreiergespann aus Lehrkraft, Eltern und Schüler*in besprochen und festgelegt. Auch das Curriculum wird gemeinsam geschrieben. Und das geschieht sogar für das gesamte Land, nicht wie in Deutschland, wo jedes Bundesland einzeln entscheidet. Im Jahr 2014 kamen 15.000 Menschen, darunter Lehrkräfte, Eltern, Wissenschaftler*innen, Schüler*innen, Direktor*innen und Maori-Vertreter*innen zusammen und verfassten einen Entwurf. Anschließend durfte ganz Neuseeland Anmerkungen machen, die diskutiert und berücksichtigt wurden. Nicht nur dadurch genießen Lehrkräfte in Neuseeland auch ein deutlich höheres Ansehen und mehr Autorität als in Deutschland, wo sich Lehrkräfte häufig in einer Rechtfertigungsposition befinden.

Fortbildungen und finanzielle Eigenveranwortung

Alle drei Jahre finden umfangreiche, verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte statt. Die Coaches kommen an die Schulen, hospitieren im Unterricht und erleben das Schulleben mit, um davon ausgehend passgenaue Weiterbildungen zu gestalten. Diese Coaches kommen direkt vom Ministerium, im Gepäck haben sie die neusten Erkenntnisse aus der Wissenschaft, um diese in den Unterricht zu integrieren. Dadurch werden nicht externe Fortbildungen, die eine möglichst große Gruppe Lehrkräfte gleichzeitig weiterbilden soll, sondern auf die jeweilige Schule, das Fach und die Lerngruppe zugeschnittene Inhalte angeboten. Bereits vor dem Lockdown organisierte das Ministerium so verschiedene Fortbildungen für Lehrkräfte und Schulleiter*innen zur Umsetzung digitalen Lernens. Dadurch waren die Lehrer*innen in Neuseeland gut auf das Lernen in neuer Form vorbereitet.

Jede Schule verfügt über einen eigenen Etat und kann selbst entscheiden, wofür das Geld genutzt wird. Viele Schulen haben so zu Beginn der Corona-Pandemie das Geld in Hardware investiert und konnten Tablets an bedürftige Familien herausgeben. Ein wichtiger Aspekt dabei: Die Geräte waren bereits komplett eingerichtet und zwar so, dass nur lernrelevante Anwendungen und Internetseiten abrufbar waren. Dafür hat das Ministerium zu Beginn des Lockdowns bei den Direktor*innen die Bedarfe abgefragt. Eine Woche später waren die Endgeräte einsatzbereit an den Schulen. Kurze Kommunikationswege und schnelles Handeln sind hier die zentralen Ansätze.

Digitales Lernen als integraler Bestandteil des Unterrichts

In Neuseeland gab es einen Lockdown-Stundenplan, der während der gesamten Zeit galt und anhand dessen die Schüler*innen wussten, wann sie zu welcher Onlinestunde vor dem Rechner sitzen mussten. Zusätzlich dazu existiert eine landesweite Lernplattform, auf der die Lehrkräfte Materialien sowie Aufgaben und die Lernenden ihre Arbeitsergebnisse hochladen. Alle Schulen in Neuseeland besitzen außerdem Lizenzen für ausgewählte digitale Tools, die für den Unterricht genutzt werden können. Bereits vor dem Lockdown fand ein großer Teil des Unterrichts online statt. Deshalb ergab sich für die Lernenden im digitalen Heimunterricht keine allzu große Umstellung. Der gewohnte Unterricht lief also weitestgehend wie vorher, nur eben vollständig digital und von zu Hause.

Digitales Unterrichten ist bereits seit geraumer Zeit eine Selbstverständlichkeit in Neuseeland. Das wird auch durch Initiativen wie dem 20/20 Trust unterstützt. Dieses Bündnis sorgt für digitale Inklusion, indem es Zugang zu digitalen Geräten sowie Angeboten schafft und gleichzeitig auch für einen sicheren und kritischen Umgang weiterbildet. Zusätzlich veröffentlicht der 20/20 Trust alle drei Jahre auf Umfragen basierende Ergebnisse zur Nutzung und Wirksamkeit von digitalen Medien im Unterricht. Der erste Bericht erschien bereits 2009. Dabei gibt der Hauptteil der Lehrkräfte an, dass die Technologie positive Effekte auf ihren Unterricht hat.

Homepage des 20/20 Trust, der sich für digitale Inklusion einsetzt
Homepage des 20/20 Trust, der sich für digitale Inklusion einsetzt

Ein weiterer innovativer Ansatz: Während des Lockdowns wurden innerhalb kürzester Zeit in Neuseeland zwei neue Fernsehkanäle eingerichtet, die Montag bis Freitag von 9 bis 15 Uhr Unterrichtsstunden von Lehrkräften aus dem gesamten Land zeigen. Dadurch sollten vor allem die Eltern entlastet werden, die zwischen dem eigenen Home Office, dem Home Schooling der Kinder und allen weiteren Tätigkeiten pendelten.

Fazit

Neuseelands Bildungssystem klingt toll, an einigen Stellen fast schon wie eine Utopie. Dabei darf man auch nicht vergessen, dass ca. 5 Millionen Einwohner*innen im Vergleich zu rund 83 Millionen in Deutschland unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen sind. Die Arbeit an einem gemeinsamen Schulcurriculum, an dem sich alle beteiligen, dürfte sich in Deutschland deutlich schwieriger gestalten. Nichtsdestotrotz gibt es einige Ansätze, die sich Deutschland unserer Meinung nach gut von Neuseeland abschauen könnte. Bundesweit an einem Strang ziehen, Fortbildungen vor Ort statt extern und digitaler Unterricht als selbstverständlicher Bestandteil sind nur einige Beispiele.

Was ist eure Meinung? Kennt ihr positive oder negative Beispiele aus anderen Ländern, von denen das deutsche Bildungssystem lernen kann? Schreibt uns dazu einen Kommentar oder eine Mail über unser Kontaktformular oder besucht uns in den sozialen Medien auf InstagramFacebook oder Twitter.

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