Ein „normaler“ Unterrichtstag in Zeiten einer Pandemie

Seit August 2020 bin ich Referendarin in Brandenburg für die Fächer Englisch und Mathe. Dabei unterrichte ich an zwei Schulen: einer Gesamtschule und einem Oberstufenzentrum. Das hängt damit zusammen, dass ich Lehramt für die Sekundarstufen I und II studiert habe, mein Referendariat also auch in beiden Stufen durchführe. An der Gesamtschule ist das wiederum nur in der Sek I möglich, also kommt das OSZ für die Sek II hinzu. An der Gesamtschule übernehme ich die Klasse 9 in beiden Fächern und im Oberstufenzentrum betreue ich jeweils einen Grundkurs aus Jahrgang 11 und 13.

Zusätzlich arbeite ich in meinem Nebenjob noch an einer Grundschule. Klingt kompliziert? Ist es manchmal auch. Eine kleine Anekdote: in der Gesamt- und in der Grundschule spreche ich die Lernenden mit Vornamen und Du an und sie mich ebenfalls. Im OSZ siezen mich meine Schüler*innen und nennen mich beim Nachnamen. Es kommt häufiger vor, dass ich im OSZ Mails mit Michelle unterschreibe oder in der Gesamtschule empört bin, weil ich scheinbar plötzlich geduzt werde.

Als Mitte Dezember die Nachricht über den Lockdown kam, wurde auch der Präsenzunterricht erstmal ausgesetzt. Da ich zu dem Zeitpunkt keine Abschlussklassen unterrichtete, bedeutete dies für mich den Umstieg auf Distanzunterricht. Das Lehren aus der Ferne startete etwas holprig, weil zunächst alle herausfinden mussten, was eigentlich funktioniert und was nicht. Mittlerweile hat sich eine Routine entwickelt, auch wenn sich diese alle paar Wochen an neue Gegebenheiten anpassen muss. In der Grundschule bin ich seit zwei Wochen wieder in Präsenz und auch am OSZ kann ich bei einem Kurs des 13. Jahrgangs unterstützen. Und ich stelle fest, egal, ob in Präsenz oder auf Distanz: ich habe Freude am Unterrichten und auch die meisten Schüler*innen wirken auf mich halbwegs motiviert. Und wenn es doch mal schief läuft, dann ist das eben so. Sich stets die gute Laune zu erhalten, egal was passiert, ist aktuell der beste Tipp, den ich mir selbst (und anderen) geben kann.

Präsenzunterricht unter besonderen Bedingungen

Mein Wecker klingelt um 06:15 Uhr, die erste Stunde beginnt 08:15 Uhr in Klasse 13 am OSZ, dafür muss ich etwa 40 Minuten Fahrtweg einplanen und immerhin die obere Hälfte meines Gesichtes möchte ich so ansehnlich gestalten, dass die Schüler*innen keinen Schrecken bekommen. Dank der Maske bleibt die untere Gesichtshälfte ja getarnt, sehr praktisch. Die Lerngruppe ist mit 10 Schüler*innen angenehm klein, dadurch kommt mir der Unterricht fast wie Individualbetreuung vor. Das ist insbesondere für die Abiturvorbereitung praktisch, da wirklich alle Fragen eingehend geklärt werden können. Schade ist natürlich, dass der Unterricht weitestgehend frontal stattfindet, Gruppenarbeiten oder gemeinsames Lernen mit Material zum Ausprobieren sind nicht möglich. Die heutige Stunde ist die erste, die ich in der Sekundarstufe II in Mathe halte und es lief gut! Die Lernenden haben toll mitgearbeitet und im Rahmen der Möglichkeiten war es ein spannender Unterrichtsblock, die Schüler*innen sind (hoffentlich) wieder etwas schlauer als vor der Stunde. Während ich im Stechschritt zu meinem Vorbereitungsraum haste, ist es gespenstisch still auf den Gängen. Nicht wie sonst in den Pausen unterhalten sich Schüler*innen in den Aufenthaltsbereichen oder Lehrkräfte sind auf dem Weg ins Lehrerzimmer für einen Kaffee oder in den nächsten Unterrichtsraum.

Distanzunterricht bringt Freude…

Angekommen in meinem Raum bereite ich mein Setting für den nächsten Block vor, dieses Mal im Onlineunterricht. Bereit stehen: Laptop, iPad, Buch und Stundenvorbereitung. Als ich über das schuleigene Moodle in die Onlinekonferenz bei BigBlueButton gehe, sind alle Schüler*innen schon anwesend – vorbildlich! Bei einer Schüler*in funktioniert das Mikro nicht, sie kann also nur zuhören. Die Kameras lassen wir grundsätzlich aus, erstens ist das von Seiten der Eltern und Schule nicht gewünscht (Datenschutz) und zweitens ist die Internetverbindung bei einigen so dürftig, dass sie mit Kamera vermutlich alles verzerrt sehen und hören oder gar rausfliegen würden. Insgesamt läuft die Stunde gut, die Schüler*innen arbeiten engagiert mit und sind nach Aufforderung immer ansprechbar. Außerdem kenne ich mich mittlerweile so gut mit allen Möglichkeiten des Konferenztools aus, dass ich sie gezielt einsetzen und den Unterricht abwechslungsreich gestalten kann.

Ein*e Schüler*in nimmt nicht an den regulären Onlinekonferenzen teil, die Person ist generell sehr ruhig und zurückhaltend und hat große Scheu vor den Konferenzen. Zusätzlich besteht der Förderschwerpunkt Lernen, sodass ohnehin mit anderem Material beschult wird. Während des Präsenzunterrichts konnte ich in den Arbeitsphasen der anderen Schüler*innen zu dem*r Lernenden gehen und sehen, wo Probleme bestehen. Dass Schwierigkeiten bestehen, wird selten selbst signalisiert. Im Distanzlernen ist das nicht mehr möglich, also treffe ich mich zum wöchentlichen Einzelunterricht. In einer halben Stunde sprechen wir Aufgaben gemeinsam durch und ich habe tatsächlich das Gefühl, dass dem*r Lernenden der Einzelunterricht sehr zu Gute kommt. Sogar von der Mutter habe ich eine Nachricht erhalten, dass sie sich bei mir bedanken möchte, weil sie unter anderem sieht, dass sich ihr Kind auf den Unterricht freut. Solche Nachrichten sind für mich jede Mühe wert!

Wie auch bei der Distanzstunde zuvor spiegele ich den Bildschirm meines iPads auf meinen Laptop und teile dann wiederum diesen Bildschirm, sodass die Schüler*innen sehen können, was ich schreibe und wir eine Aufgabe gemeinsam durchdenken können. Noch einfacher wäre es natürlich, wenn ich den Bildschirm meines iPads direkt im Konferenztool teilen könnte und auf meinem Laptop die Schüler*innen sehen kann. Leider funktioniert BigBlueButton auf dem iPad allerdings nicht. Nichtsdestotrotz habe ich das Empfinden, mit meinem Variante eine gute Lösung gefunden zu haben.

… oder manchmal auch Frustration

Im Anschluss daran bereite ich die Unterrichtsstunden nach, lade alle wichtigen Dokumente auf Moodle hoch und kündige den Ablauf der folgenden Woche an. Ist das erledigt, schließe ich Moodle und öffne die Lernplattform des OSZ. Dort wartet meine nächste Distanzunterrichtsstunde auf mich, dieses Mal mit dem Grundkurs Englisch des 11. Jahrgangs. Die Lernplattform bietet ein eigenes Konferenztool, was grundsätzlich gut funktioniert, es sei denn, es gibt wieder einen Hacker-Angriff auf die Plattform (welcher Hacker greift denn eine Lernplattform an?). Leider besteht dort noch keine Möglichkeit, Gruppenräume einzurichten und gerade das gemeinsame Arbeiten und Austauschen in der Fremdsprache finde ich sehr wichtig. Deshalb bestelle ich die Lernenden zu BigBlueButton, dieses Mal über einen externen Server in Deutschland. Nach und nach trudeln die Schüler*innen ein, manche sind erst 5 Minuten nach Unterrichtsbeginn anwesend, andere fliegen ständig aus der Konferenz raus und versuchen es dann erneut. Nichtsdestotrotz beginne ich mit meiner Einführung der Unterrichtsstunde. Nach 10 Minuten schreibt mir der erste Schüler, dass er nichts mehr hören kann, andere bestätigen dies. Also breche ich ab, zeige die Aufgabenstellung für die Gruppenarbeitsphase in meiner Präsentation und schicke die Lernenden in die Breakout Rooms. Sie sollen in einem kollaborativen Online-Dokument ein kurzes Statement zu einem Zitat verfassen. Einige verstehen nicht, was sie tun sollen, andere wissen nicht, wie sie überhaupt zu dem Dokument gelangen. Zugegeben, das Tool ist nicht unbedingt intuitiv, aber immerhin DSGVO-konform, da muss ich Abstriche machen. Nach einer erneuten Erklärung gibt es aber keine Probleme mehr. Ich kann kurz durchatmen. 5 Minuten später wieder Chaos, mehrere Schüler*innen können sich gegenseitig nicht mehr hören, also unterbreche ich die Arbeitsphase. Ab dann geht es leider nur noch bergab und ich entscheide, den Onlineunterricht zu beenden und die Aufgaben im Selbststudium erledigen zu lassen. Ich bin sehr frustriert und die Schüler*innen sicher auch. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum es immer noch nicht funktioniert und mein Unterricht an den digitalen Voraussetzungen scheitert. Ändern kann ich es natürlich leider nicht, also werde ich überlegen müssen, was ich in der kommenden Stunde anders gestalten kann. Es bleibt spannend!

Nach dem Unterricht ist vor dem Unterricht

Für heute habe ich den Unterricht „geschafft“ und bin tatsächlich ziemlich müde. Nach einer Essenspause habe ich noch ein To Do auf meiner Liste, was ich abhaken möchte: den Unterricht für die Grundschule morgen vorbereiten. Dort sind wir in der zweiten Woche Präsenzunterricht seit den Schulschließungen im Dezember letztes Jahr. Ich muss mich erstmal wieder an die Lautstärke gewöhnen, aber merke, dass ich es sehr genieße, das Gewusel der Kinder wieder um mich zu haben. Die Schüler*innen sind noch immer eher überdreht, dass sie wieder in der Schule lernen und auf dem Schulhof spielen dürfen. Der Unterricht verläuft dort natürlich auch anders als sonst, jede Klasse beginnt zu einer anderen Zeit, sodass die Pausen- und Mittagszeiten versetzt sind und kein Gedränge auf dem Gang herrscht. Organisatorisch sind die Stundenpläne eine Meisterleistung, aber dank eines wirklich gut funktionierenden Teams sowie flexibler Wochenplanarbeit für die Lernenden kein Problem.

Nachdem dieses To Do erledigt ist, brauche ich erstmal eine längere Pause und fahre auf den Sportplatz für eine kleine Sporteinheit an der frischen Luft. Danach bin ich bereit, mich wieder an den Laptop zu setzen und für das Referendariat an meinem nächsten Stundenentwurf zu schreiben. Meine tägliche Bildschirmzeit unter der Woche beträgt übrigens aktuell knapp 10 Stunden täglich, irgendwie gruselig…

Wie viele andere Lehrkräfte sind meine Arbeitstage deutlich länger als vorher, zum Teil aber auch, weil ich die beschriebene Einzelbetreuung ermöglichen und für die Schüler*innen ansprechbar sein will. Letztendlich wissen wir alle, dass diese Situation nicht optimal und an einigen Tagen auch wenig zufriedenstellend ist. Dennoch gilt für mich der gleiche Grundsatz wie auch zu Zeiten ohne Lockdown und Distanzlernen: einfach das Beste aus den Gegebenheiten machen. Ich habe positive Momente im Unterricht und mit den Schüler*innen und das überwiegt schlichtweg jede Frustration über äußerer Umstände.

Wie sieht euer Alltag in der aktuellen Situation aus? Freut ihr euch schon wieder auf den Präsenzunterricht oder gefällt euch das Distanzlernen besser?

2 Gedanken zu „Ein „normaler“ Unterrichtstag in Zeiten einer Pandemie

  1. Mit 2 kleinen Kindern musste ich coronabedingt mein Referendariat leider abbrechen. Es war nicht leistbar, mit fehlenden Betreuungsoptionen und von der Politik her sind Referendare mit zu betreuuenden Kindern in dieser Situation leider nicht bedacht. Mit gekürzten oder ausfallenden Betreuungszeiten, keine/schlechte Möglichkeit auf Alternativen (Großeltern etc.), strengen Regelungen was Erkältungen angeht (die ich richtig finde!), habe ich 5 Unterrichtsbesuche absagen müssen, meine 11. Klasse weniger gesehen als nicht gesehen und mit maximal 4h Schlaf gelebt. Eine Verlängerung hätte mir geholfen, ist aber nicht vorgesehen. Nur bei Krankheit o.ä. Die Pandemie und ihre Folgen gelten nicht als „nicht in der Person des Beamten liegenden Grund“ und hätte ich es durchgezogen wäre ich wahrscheinlich zusammengeklappt bevor ich durchgefallen wäre.
    Also musste ich abbrechen.

    Ich hoffe im Februar 2022 weiter machen zu können, mal sehen.

    Dir noch alles Gute.

    1. Oh nein, das klingt wirklich schwierig… Tut mir sehr Leid für dich, dass es letztlich die einzige Möglichkeit war, das Referendariat abzubrechen. Ich kann mir absolut vorstellen, dass es, wenn man eben aufgrund Verpflichtungen für Kinder und co. nicht so flexibel ist, richtig hart war/ist. Bei uns gab es irgendwann die Option, wegen Corona das Referendariat zu verlängern, schade, dass du diese Möglichkeit nicht bekommen hast.

      Ich drücke dir die Daumen, dass du im Februar 2022 weitermachen kannst und dann alles klappt! Wünsche dir auch alles Gute.

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